Galerie Crystal Ball

Wolfgang Müller – Lokomotion – Valeska Gert

Ausstellungseröffnung am Fr. 7. Januar 2011 um 20 Uhr

Fr. 11. Februar,  Finissage um 20 Uhr: mit der Präsentation seltener Tonbandaufnahmen/presentation of rare recordings of Valeska Gert: Valeska Gert liest aus ihrem Buch/Valeska is reading from her book: „Ich bin eine Hexe“ (9: 35 min.) und einem Interview mit Valeska Gert aus dem Jahr 1964 (27: 15 min.)

Wolfgang Müller Lokomotion - Valeska Gert Galerie Crystal Ball Berlin
Einladungskarte zu Wolfgang Müller Lokomotion – Valeska Gert , 2010

Im Januar 2011 zeigt die Galerie Crystal Ball Wolfgang Müllers „Lokomotion – Valeska Gert“, die Installation seiner gleichnamigen Siebdruckedition. Der Galerieraum wird zum Pausenraum. Es entsteht ein Ort des Verharrens, der Unterbrechung. Mit den Siebdrucken wird die radikale Pause-Performance von Valeska Gert (1892 – 1978) aus den 1920ern wieder ins aktuelle Bewusstsein gerufen. Das einzig existierende Bilddokument, ein 1928 gedrucktes Foto, bildet die Basis.

Parallel läuft noch bis zum 6.2.2011 die von An Paenhuysen und Wolfgang Müller gemeinsam kuratierte Ausstellung „Pause. Valeska Gert: Bewegte Fragmente“ im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart.

Zu Valeska Gerts Pause: Im Kino der 20er Jahre entstanden aufgrund des Filmrollenwechsels Unterbrechungen. Die Kinobetreiber engagierten Künstler, Musiker und „Pausenclowns“, welche die technisch bedingten Pausen mit kurzen Auftritten überbrücken bzw. füllen sollten.

Valeska Gerts Tanzperformance Pause experimentiert ganz grundsätzlich und radikal in ihrer spezifisch realistischen Ästhetik mit den banalen Grenzen neuer Technologien. Sie materialisiert und verdoppelt das Phänomen der Pause mit ihrem Körper, den sie wie einen Werkstoff einsetzt. Damit öffnet Valeska Gert eine fundamentale Zwischenposition zum damaligen Mainstream, wie er beispielsweise in der Fortschrittseuphorie der Futuristen oder im Kulturpessimismus der konservativen Revolution seine extremen Ausprägungen fand.

Die Künstlerin tanzte die Pause, einen einzigen kurzen Bewegungsablauf, der in einer Geste mit geschlossenen Armen über den Kopf mündet – und hier erstarrt – bis „jeder im Publikum spürte, was eine Pause bedeutet“. Diese Nicht-Bewegung hielt bis zum Ende der Filmunterbrechung an. „Für alle Künste, die Bewegung sind, wie Happening, Aktionskunst und Performance ist die Pause von Valeska Gert so fundamental wie die Komposition 4’33“ von John Cage für die Musik“, schreibt Wolfgang Müller. (Literatur: Wolfgang Müller: Ästhetik der Präsenzen. Valeska Gert, Martin Schmitz Verlag, Berlin 2010.)

Die Ausstellungsinstallation „Lokomotion“ bewegt sich um drei Siebdrucke, die Wolfgang Müller mit seinem Assistenten Hrafnkell Brynjarson 2010 von der einzig überlieferten Fotografie dieser Gert Performance herstellte. Das Wandern einer technisch produzierten Pause durch Materialien und Körper greift zum einen die Bewegung der Unbewegtheit Gerts erneut auf und fokussiert zugleich deren radikale Frage nach dem Menschen: Eine uralte Minimaldefinition des Lebewesens läuft über die Fähigkeit der Bewegung von Ort zu Ort (Loco-motion). Was nun, wenn sich der Ort selbst bewegt? – Der Mensch als bewegte Selbstbewegung?

Die „Pause“ wird zum fundamentalen Politikum und prangt in roten Lettern auf dem Siebdruck wie einst die Vokabel „Streik“!

Die Galerie lädt ein zu Meditation, Kontemplation, Zerstreuung zwischen ökonomischem Nutzkalkül und unserem Recht auf Faulheit.

Wolfgang Müller: Lokomotion - Valeska Gert
Lokomotion – Valeska Gert, Wolfgang Müller, Siebdruck

Wolfgang Müller – Séance Vocibus Avium

Ausstellungseröffnung in der Galerie Crystal Ball und der Galerie Dörrie Priess am 25.  September um 19 Uhr

26. 9. – 6. 11. 2009

Hawaii Krausschwanz, Wolfgang Müller

Séance Vocibus Avium (I)

Der einzige, in Europa ursprünglich heimische, vollständig ausgerottete Vogel ist der nordatlantische Riesenalk (Alca impennis). Sein letztes Vorkommen befindet sich vor der südisländischen Küste auf der Felseninsel Eldey. Am 3. Juni 1844 werden dort die letzten beiden Vögel, ein brütendes Paar, von den Fischern Jón Brandsson, Sigurður Ísleifsson und Ketill Ketillson aus Hafnir durch Genickumdrehen getötet, um ihre Bälge mitsamt Innereien einem dänischen Vogelsammler zu verkaufen. Damit verstummt der Gesang dieses Vogels für immer.

Nach seiner ersten Islandreise im Jahr 1990 formt Wolfgang Müller einen Riesenalk aus Modelliermasse, Stoff, Papier, Farben und Hühnerfedern. Zum 160. Jubiläum seiner Ausrottung rekonstruiert er 1994 die Lautäußerungen des Vogels im Hörspielstudio des isländischen Rundfunks stöð 2. Sein Medium ist dabei die isländische Schauspielerin Kristbjörg Kjeld. Mit Hilfe moderner Studiotechnik werden die Rufe des Vogels rekonstruiert und somit erstmals seit seinem Aussterben 1844 wieder hörbar gemacht. Als Grundlage der Rekonstruktion dienen historische wissenschaftliche Beschreibungen, wie die von Dr. Alfred Newton aus Cambridge. Er befragt 1854 die Seeleute aus Hafnir nach den letzten Minuten im Leben der letzten Riesenalken und veröffentlicht ihre detaillierten Aussagen 1858 in der ornithologischen Fachzeitschrift „Ibis“.

Andere, meist durch direkte oder indirekte Einwirkung des Menschen ausgerottete Vogelarten stammen vor allem aus Nord- und Mittelamerika, Madagaskar, Australien, Neuseeland und den Inseln des Pazifischen Ozeans. Seit dem 16. Jahrhundert sind schätzungsweise  hundertundfünfzig Vogelarten ausgestorben. Von nur sehr wenigen dieser existieren Beschreibungen ihrer Lautäußerungen.

Dazu zählen neben dem Riesenalken zehn weitere Vogelarten, deren Rufe nun gleichzeitig in der Galerie Dörrie * Priess und der Galerie Crystal Ball zu hören sind. Wolfgang Müller übermittelte dafür zehn bekannten Musikern wissenschaftliche Beschreibungen einer ausgewählten Spezies und bat die jeweiligen Beteiligten, ihren/seinen Körper zu verlassen und in den ihr/ihm zugeteilten Vogelkörper zu schlüpfen. Im Moment der Vogelwerdung verschwinden Musik und Musiker. Es erklingen die Rufe längst verstummter Vögel.

Séance Vocibus Avium

  1. Coturnix Novae-Zelandiae, Neuseeländische Schwarzbrustwachtel, † 1875. (Namosh)
  2. Hawaii-Krausschwanz, Moho Nobilis, † 1934. (Max Müller)
  3. Assumption-Weißkehlralle, Dryolimnas Cuvieri Abbiotti, Unbekannt. (Frieder Butzmann)
  4. Jamaika Teufelssturmvogel, Pterodroma Hasitata Caribbaea, Unbekannt. (Justus Köhnke)
  5. Mauritiusfruchttaube, Alectroenas Nitidissima, † 1930. (Annette Humpe)
  6. Präriehuhn, Tympanuchus Cupidio Cupido, † 1932. (Francoise Cactus/Brezel Göring)
  7. Lachkauz, Sceloglaux Albifacies, † 1914. (Nicholas Bussmann)
  8. Lord-Howe-Inselrasse des Norfolkstars, Aplonis Fuscus Hullianus, † 1923. (Hartmut Andryczuk)
  9. Guadalupe-Caracara, Polyborus Lutosus, † 1900. (Khan)
  10. Riesenalk, Alca impennis, † 1844. (Kristbjörg Kjeld/Wolfgang Müller)

Séance Vocibus Avium (II)

In seinen Farbzeichnungen nähert sich Wolfgang Müller der Gestalt von elf ausgestorbenen Vögeln.  Als Orientierung dienen ihm dabei ausgestopfte Bälge, historische Abbildungen und wissenschaftliche Beschreibungen über das Verhalten der Spezies.  Zu jeder Spezies entstehen mehrere unterschiedliche und zugleich ähnliche Zeichnungen.

Wolfgang Müller erhält im Juli 2009 den vom Südwestrundfunk (SWR) gestifteten Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst. Er wird für sein Radiostück „Séance Vocibus Avium“ ausgezeichnet, das als Produktion des Bayerischen Rundfunks am 3. August 2008 urgesendet wurde.

Aus der Begründung der Jury: „Wissenschaftliche Beschreibungen ausgestorbener Vogelarten und ihrer Stimmen nimmt der Künstler und Feldforscher Wolfgang Müller zum Ausgangspunkt seines Hörwerks ‚Séance vocibus avium’. Aus der aussterbenden Form eines Rundfunkvortrags entwickelt er eine zunächst nüchtern anmutende Textstruktur, um die Sätze dann auf spielerische Weise in Wortreihen und Bedeutungsfelder zu überführen. Damit wird die Aufmerksamkeit vom ursprünglichen Kontext der zoologischen Darstellung gelöst und auf poetische Klang- und Bedeutungsreize der einzelnen Vokabeln gelenkt. Vogelnamen, exotische Lebensräume und die verbalen Notationen von Lautäußerungen schaffen weite Imaginationsfelder in den elf Textpassagen, auf die jeweils eine betörende Rekonstruktion von verlorenen Vogelstimmen durch menschliche Interpreten folgt. ‚Séance vocibus avium’ bezaubert durch seine Lust am Erfinden von Wirklichkeiten.

Séance Vocibus Avium, Wolfgang Müller

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